Bericht aus der "Ärztlichen Praxis"
Menthol &
Co. können Schleimhautirritationen und Laryngospasmen induzieren
Ätherische
Öle schnüren Babys die Kehle zu
von Matthias
Bastigkeit
Der neun Monate alte
Henrik ist schwer verschnupft: Das Näschen läuft, die Lunge
rasselt, Husten schüttelt den kleinen Körper. „Etwas
Chemisches“ will die Mutter ihrem Liebling auf gar keinen Fall
geben, Da greift sie schon lieber zu sanften natürlichen
Hausmitteln. Die Mama streicht Klein-Henrik ein ätherisches Öl
unter die Nase – und bringt ihn damit unwissend in Lebensgefahr.
Ätherische Öle erfreuen
sich gerade in der kalten Jahreszeit großer Beliebtheit. Als Duftöle
eingesetzt schaffen Zitrus, Lavendel, Latschenkiefer und Konsorten
ein angenehmes Raumklima. Inhalieren Menthol-haltiger Öle lindert lästige
Erkältungsbeschwerden.
Meist werden die Öle durch Wasserdampfdestillation gewonnen und
enthalten die gesamte Kraft der Pflanze. In konzentrierter Form
inhaliert, auf die (Schleim-)Haut aufgetragen oder eingenommen, können
sie zu massiven Vergiftungserscheinungen führen.
Etwa 150 Öle werden in Technik und Medizin angewendet. Nur über
wenige existieren genaue toxikologische Daten. Als hoch toxisch
gelten Kampfer, Cineol und Menthol. Terpentinöl sowie Öle aus
Fichtennadeln, Lavendel, Fenchel und Anis sind weniger giftig.
Die steilste Karriere unter den pflanzlichen Ölen hat in den
letzten Jahren das Teebaumöl gemacht. Die regenbogenbunte
Laienpresse wird nicht müde, immer wieder neue Indikationen für
das Wundermittel unters Volk zu streuen. Pickeln soll es ebenso den
Garaus machen wie Halsschmerzen oder Gelenkbeschwerden.
Teebaumöl enthält unter anderem Terpine und Phenole. Diese
Substanzen können bei Kindern zu toxischen Reaktionen und
Hautreizungen führen. Auch Katzenbesitzer sollten vorsichtig sein:
Wenige Tropfen vom Öl des australischen Strauchs genügen, um ihre
schnurrenden Lieblinge ins Jenseits zu befördern.
Bei Säuglingen kann die Aufnahme ätherischer Öle sehr rasch einen
Laryngospasmus mit Todesfolge auslösen. Die Fachzeitschrift Kinder-
und Jugendarzt berichtete über einen Fall, bei dem einem Säugling
ein Tropfen Pfefferminzöl auf die Lippe geträufelt wurde. Sekunden
später setzte bei dem vier Wochen alten Kind die Atmung aus.
Öl aspiriert – toxisches Lungenödem droht
Dosisabhängig kann es ferner zu zentralnervösen Symptomen,
Krampfanfällen, Schockreaktionen, Ataxie und Tremor kommen. Auch
Ingestion sehr geringer (verdünnter) Mengen ist keineswegs ungefährlich.
Den Kindern drohen massive Schleimhaut-
Irritationen. Bauchschmerzen, Übelkeit und Durchfall.
Alarmstufe „Rot“ besteht, wenn Lösungen ätherischer Öle in
die Lunge aspiriert werden. Pneumonitiden und sogar toxische Lungenödeme
sind beschrieben.
Auch mentholhaltige Bäder sollten für Babys und Kleinkinder tabu
sein. Das warme Badewasser verstärkt die Resorption und erhöht so
die Gefahr systemischer Effekte. Allergische Reaktionen kommen vor.
Was ist im Notfall zu tun?
Was ist zu tun, wenn Säuglinge oder Kleinkinder ätherische Öle
aufgenommen haben?
Ist der kleine
Patient ansprechbar und hat er mehr als 20 mg/kg seines Körpergewichtes
eines sehr toxischen oder mehr als 50 mg eines mäßig toxischen
Öls aufgenommen, ist die Gabe von Kohlegranulat indiziert
(1g/kg Körpergewicht).
Krampft das Kind
oder besteht Laryngospasmus, ist Diazepam i.v. Mittel der Wahl.
Falls verfügbar, bietet sich auch die sublinguale Gabe von
Lorazepam an.
Sicherheitshalber
sollten symptomatische Kinder stationär überwacht werden.
Da Laien die möglichen unerwünschten Effekte ätherischer Öle
noch schlechter abschätzen können als Ärzte, sollten Eltern am
besten ganz darauf verzichten, Säuglinge oder Kleinkinder auf
eigene Faust mit derlei Natur-Produkten zu behandeln.
Quelle: Ärztliche Praxis, das
online Magazin für Arzt und Patient - der
Artikel selber vom 30. Januar 2002
|